Der Irrsinn mit dem Rassehund

Mensch, Hund! Rassehund?

Der Rasse-Wahn und seine Folgen Do, 31. Juli 2014, 20.15 Uhr auf 3Sat

Rassehund - Der Kritiker: Christoph Jung wird für seine Aussagen über die Rassehundezucht in Deutschland angefeindet und sogar bedroht. Der Autor mehrerer Fachbücher prangert vor allem die Übertypisierung bestimmter Körpermerkmale mit schweren gesundheitlichen Folgen an. © ZDF und Klaus Kastenholz

Rassehund – Der Kritiker: Christoph Jung wird für seine Aussagen über die Rassehundezucht in Deutschland angefeindet und sogar bedroht. Der Autor mehrerer Fachbücher prangert vor allem die Übertypisierung bestimmter Körpermerkmale mit schweren gesundheitlichen Folgen an.
© ZDF und Klaus Kastenholz

Rassehund – muss das sein? An dieser Stelle ist der Autor dieses Artikels, selbst Halter zweier Mischlingshunde – also Mischlinge, ausnahmsweise mal klar und parteiisch und sagt: „Nein, auf gar keine Fall“. Der Wahn mit dem Rassehund ist menschlicher Irrsinn und oftmals Tierquälerei. Mischlingshunde sind immer eine mehr als gute Alternative zum Rassehund und ja, auch oftmals die besseren Hunde.

Die 3Sat Dokumentation „Mensch, Hund! – Der Rasse-Wahn und seine Folgen“ von Klaus Kastenholz, die 3sat im Rahmen von „Wissenschaft am Donnerstag“ zeigt, taucht in die komplexe Welt des deutschen Rassehundewesens und dem Rassehund ein und forscht nach den Konsequenzen eines Schönheitswahns beim Rassehund, der die Gesundheit beliebter Arten bedroht.

Rassehund: welche Rolle spielen dabei die großen Zuchtschauen, deren Sieger ihrem Besitzer enorme Summen einbringen können? Und warum greift der Gesetzgeber beim  Rassehund nicht ein? „Das, was wir beim Mops und bei der französischen Bulldogge sehen, ist schon katastrophal. Schlimmer kann es eigentlich gar nicht werden“, sagt der Hamburger Tierarzt Dirk Schrader.

Zu Beginn der Dokumentation über den Rassehund sieht man, wie ein zweijähriger Mops-Rüde auf dem OP-Tisch einer Kleintierklinik liegt. Die Ärzte verkürzen sein Gaumensegel, das für den kleinen Schädel des Hundes schlicht zu groß ist. Oder richtiger ist es umgekehrt zu sagen: Die Proportionen des putzigen Kopfes lassen den Organen nicht mehr genügend Raum – eine Folge der Züchtung. „Das ist wie wenn Sie zu große Möbel für eine zu kleine Wohnung haben“, sagt Dirk Schraders Sohn Steven, ebenfalls Tierarzt.

Draußen wartet schon ein Rassehund – Artgenosse, dem zu enge Nasenlöcher die Atmung erschweren, außerdem eine französische Bulldogge, die an der Entzündung ihrer Augenfalten zu erblinden droht. Drei bis vier solcher Eingriffe musste Tierarzt Dirk Schrader früher pro Jahr vornehmen – heute seien es fast 400.

Es gibt gute Alternativen zum Rassehund

Rassehund Rück-Zucht: Der sogenannte "Retro-Mops" soll der gebeutelten Rasse ihr natürliches Aussehen und ihre Agilität zurückgeben. Durch die Einzucht des Jack Russel Terriers bildet sich etwa die Schnauze wieder deutlicher aus, wodurch die Tiere besser atmen können. © ZDF und Klaus Kastenholz

Rassehund Rück-Zucht: Der sogenannte „Retro-Mops“ soll der gebeutelten Rasse ihr natürliches Aussehen und ihre Agilität zurückgeben. Durch die Einzucht des Jack Russel Terriers bildet sich etwa die Schnauze wieder deutlicher aus, wodurch die Tiere besser atmen können.
© ZDF und Klaus Kastenholz

Ein Tierschutz-Skandal – so prangert der Psychologe Christoph Jung seit Jahren ein Übel an, das viele Facetten aufweist: Hier die Käufer, die einen Rassehund nach Vorbild eines bestimmten, gerade modernen Schönheitsideals wünschen. Dort die Züchter, die der enormen Nachfrage nachkommen und bei der Übertypisierung bestimmter Körpermerkmale beim Rassehund nur allzu häufig die gesundheitlichen – oft tödlichen – Folgen für das Tier ignorieren.“Das muss man sich mal vorstellen, das ist in Deutschland Realität: Per Operation wird vielen Tieren das Atmen erst ermöglicht“, sagt Jung.

Dazwischen steht eine Industrie, die von der schieren Masse an Hunden lebt, von der Versicherungswirtschaft bis zum Futtermittelkonzern. Neben den ultramodernen Designerhunden gibt es aber auch eine Rassehund Variante, die sich eher der Vergangenheit verschrieben hat: die sogenannte Rückzucht, die domestizierte Hunde mit ihren wilden Vorfahren kreuzt. Rassen wie der Saarlooswolfhund werden als Trend für Individualisten immer beliebter, weil sie dem mystischen Wolf so sehr ähneln. Je höher der Anteil an Wolfsblut, desto gefragter sind die Tiere.