Hitler Attentat: Die Kinder des 20. Juli

Die Nazis verfolgten Kinder und Enkel ihrer Gegner vom 20. Juli

Dokumentation am Sonntag, 20. Juli 2014, 23.25 Uhr im ZDF

Carl Goerdeler ist der Kopf der zivilen Verschwörer. Nach einem gelungen Attentat sollte er Reichskanzler werden. ©ZDF und Rainer Goerdeler

Carl Goerdeler ist der Kopf der zivilen Verschwörer des 20. Juli. Nach einem gelungen Attentat sollte er Reichskanzler werden.
©ZDF und Rainer Goerdeler

Sippenhaft war die Devise, mit der gegen die Angehörigen der mutigen Frauen und Männer des 20. Juli vorgegangen wurde. Als am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler misslingt, jagen die Nazi-Verbrecher nicht nur die Widerstandskämpfer. Auch deren Kinder und Enkelkinder stehen auf der Fahndungsliste des Regimes. Sie werden ihren Familien entrissen. 70 Jahre nach dem Attentat auf Hitler reden die Kinder des 20. Juli in „ZDF-History“ erstmals offen über die traumatischen Erlebnisse, die viele für ihr Leben prägten.

Unzählige Bücher beschäftigen sich mit der Frage, wie es den Kindern von Nazitätern nach dem Krieg ergangen ist und wie es ihnen heute geht. Wie aber verhält sich das mit den Familien der mutigen Frauen und Männer vom 20. Juli? „Hat sich die Tat des Vaters gelohnt?“ Diese Frage wurde allen Interviewpartnern gestellt. Die Antworten waren berührend, denn schnell wurde klar, dass sich die Taten der Väter für die Familien nicht gelohnt haben. Ihre Tode bedeuteten die Zerstörung der Familien. Umso wichtiger ist allen Kindern, dass der Tod des Vaters eine ideelle Bedeutung für Deutschland und die folgenden Generationen hat.

Dr. Rainer Goerdeler, Enkelsohn von Carl Goerdeler

Rainer Goerdeler ist der Enkelsohn von Carl Goerdeler, der nach einem gelungenen Attentat am 20. Juli Reichskanzler werden sollte. Als das Attentat scheitert, wird zunächst Rainer Goerdelers Mutter von der Gestapo abgeholt. Zusammen mit seinem Bruder Carl jr. wird Rainer dann im Oktober 1944 verschleppt. Damals ist er vier Jahre alt, sein Bruder neun Monate. Bis heute ist nicht klar, wo die Goerdelerbrüder von Oktober 1944 bis Februar 1945 untergebracht sind. Erst im Februar 1945 lässt sich ihr Eintreffen in Bad Sachsa nachweisen – im Tagebuch von Christa Hofacker.

Rainer Goerdeler erzählt zum ersten Mal vor der Kamera vom Umgang mit der fehlenden Erinnerung, seiner Zeit in Bad Sachsa und dem Wiedersehen mit der Mutter im Sommer 1945.

Über Diskussionen zwischen den Großeltern:
„Es hat zwischen Großvater und Großmutter durchaus immer wieder Debatten und Diskussionen gegeben, wie weit darf man gehen, soll man gehen, wie weit darf man sich exponieren. Die gipfelten in der Frage der Großmutter: Müssen wir immer die Ersten sein?“

Über das Wiedersehen mit der Mutter nach der Trennung:
„Als sie plötzlich vor mir stand, konnte ich das gar nicht fassen. Ich bin wild rumgetanzt und habe mich vor Freude gar nicht einkriegen können. Deshalb bin ich fürchterlich auf die Knie gefallen. Noch heute habe ich auf dem rechten Knie eine dicke Narbe davon.“

Über Nachwirkungen des 20. Juli bis heute:
„Die Verschleppung und die Zeit in Bad Sachsa haben in mir eine tiefe Verunsicherung hinterlassen. Es fiel mir lange Zeit schwer, auf Menschen zuzugehen und ihnen zu vertrauen. Ich habe mich immer gefragt, was mein Gegenüber von mir will, was es im Schilde führt.“

Christa Miller, Tochter von Caesar von Hofacker

DIe Familie Caesar von Hofackers, ein Cousin Claus Schenk Graf von Stauffenbergs (1939) ©ZDF / Familie von Hofacker (privat)

DIe Familie Caesar von Hofackers, ein Cousin Claus Schenk Graf von Stauffenbergs (1939)
©ZDF / Familie von Hofacker (privat)

Christa Miller, geb. von Hofacker ist die Tochter von Caesar von Hofacker. Er ist der Cousin von Claus Schenk von Stauffenberg und in Paris für die Umsetzung des Putsches vom 20. Juli zuständig. Christa von Hofacker ist dreizehn Jahre alt, als sie zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern Alfred und Liselotte nach Bad Sachsa verschleppt wird.

Zuvor wurden auch ihre Mutter und die älteren Geschwister verhaftet. Erstmals spricht sie im deutschen Fernsehen und hat der Veröffentlichung ihres „Bad Sachsa Büchleins“ zugestimmt, eines beeindruckenden Tagebuchs, das sie für ihre Mutter geschrieben hat. Es ist das einzige zeitgenössische schriftliche Zeugnis über die Widerstandskinder in Bad Sachsa.

Seit über fünfzig Jahren lebt Christa Miller geb. von Hofacker in Amerika. Aufrichtig und offen erzählt sie über ihre Kindheit, ihren Vater, für sie „ein Held mit Brüchen“ und ihre Zeit in Bad Sachsa.

Über den Auftrag des Vaters an seine Kinder: 
„Er hat verlangt, dass wir immer verantwortlich handeln, dass wir immer das Beste geben, was wir geben können und dass wir unseren Mitmenschen zugewandt sein sollen. Dann hat er uns gesagt, dass wir immer unserer Mutter gehorchen sollen. Sie sei die schönste, beste und liebste Frau auf der ganzen Welt. Solange er nicht zu Hause sein könne, sollten wir alles tun, um sie zu unterstützen.“

Über die Ankunft in Bad Sachsa: 
„Wir kamen mit „Heil Hitler“ ins Büro und dann wurde uns gesagt, wir wären hier nur eine gewisse Zeit, unsere Eltern seien Verräter, wir sollten uns für unsere Eltern schämen und dürften unsere Namen nie wieder nennen. Es wurden uns Papiere, Geld, Fotos – einfach alles – weggenommen. Das hat mich schockiert, aber dennoch war ich trotzig. Ich hab mir gesagt: „Ihr habt ja keine Ahnung, das lasse ich mir von niemandem sagen.“

Über die Begegnung mit Uta von Treskow in Bad Sachsa: 
Uta von Treskow und ich kannten uns nicht und sagten uns nur unsere Vornamen. Nach ganz kurzer Zeit sagte dann Uta zu mir: ‚Du, wir reden ja beide wie die Katzen um den heißen Brei herum: Meine Mutter ist im Gefängnis und deine wahrscheinlich auch.‘ Da brach zwischen uns das Eis und wir konnten uns gegenseitig unsere Erlebnisse schildern. Das war ungeheuer tröstlich.“