Interview mit Transparent-Star Jeffrey Tambor

 Jeffrey Tambor: „Ich hatte noch nie so viel Schiss wie diesmal“

Interview mit Transparent-Star Jeffrey Tambor

Das Gespräch mit  führte Marco Schmidt

Transparent bei Amazon Prime: Staffel 1 ist ab sofort online bei Amazon Prime. ©Amazon Studios

Jeffrey Tambor: „Ich hatte noch nie so viel Schiss wie diesmal“
Interview mit dem Transparent-Star. Transparent bei Amazon Prime: Staffel 1 ist ab sofort online bei Amazon Prime. Im Bild: Jeffrey Tambor als Mort bzw. Maura
©Amazon Studios

Berühmt wurde Jeffrey Tambor als schrulliger Handlanger Hank Kingsley in der legendären Sitcom „The Larry Sanders Show“ und als krimineller Patriarch George Bluth in der Kult-Comedyserie „Arrested Development“.

Zudem war er immer wieder in markanten Nebenrollen auf der Kinoleinwand zu sehen, etwa in der „Hangover“-Trilogie oder den beiden „Hellboy“-Filmen.

Doch seinen größten Erfolg feierte der Charakterkopf erst jetzt, mit 70 Jahren: Für seine berührende Transgender-Darstellung in der preisgekrönten Streaming-Serie „Transparent“ gewann er im Januar den Golden Globe.

In der Amazon-Eigenproduktion spielt Tambor den pensionierten Politologie-Professor Mort Pfefferman, der sich gegenüber seinen drei Kindern als transsexuell outet und beschließt, fortan als Frau mit Namen Maura zu leben.

Anlässlich der Premiere der deutschen Synchronfassung sprachen wir in München mit Jeffrey Tambor. Auf den ersten Blick scheint er eine ungewöhnliche Besetzung für die „Transparent“-Hauptfigur zu sein: Der Vater von fünf Kindern ist ein kerniger Kerl mit Halbglatze und kräftiger Statur, der nichts Tuntiges an sich hat und den man sich eher in der Rolle eines furchterregenden Polizisten vorstellen könnte. In unserem Interview entpuppt er sich jedoch als Gentleman mit reizenden Umgangsformen – und als sensibler, erfrischend ehrlicher Gesprächspartner.

Vor ein paar Jahren haben Sie in einem Interview erzählt, dass Sie die Rolle des Hank in der „Larry Sanders Show“ unbedingt spielen wollten, weil Sie nach der Drehbuchlektüre das Gefühl hatten, diese Figur vollkommen zu verstehen. Wie ist es ihnen bei „Transparent“ mit Maura ergangen, einer Frau, die im Körper eines Mannes geboren wurde?

Jeffrey Tambor: Genauso! Schon nach wenigen Drehbuchseiten verspürte ich einen unbändigen Drang, diese Figur zu verkörpern. Ich fühlte mich ihr sehr verbunden und dachte sofort: „Ich kenne diese Person. Ich weiß, wie sie tickt. Ich liebe diese Person!“ Dabei muss ich zugeben, dass ich zwar in einem liberalen Umfeld in San Francisco aufgewachsen bin, aber in Bezug auf die Transgender-Thematik zeit meines Lebens ein totaler Ignorant war. Trotzdem fiel es mir leicht, mich in Maura hineinzuversetzen. Natürlich kam es mir und meiner Darstellung zugute, dass auch Maura noch ganz am Anfang ihres Verwandlungsprozesses stand und sich in der Welt der Transsexuellen erst langsam zurechtfinden musste.

Hatten Sie gar keine Angst davor, es nicht richtig hinzubekommen?

Jeffrey Tambor: O doch, furchtbare Angst sogar. An den ersten Drehtagen war mir vor lauter Nervosität so schlecht, dass ich mich fast übergeben musste. Wissen Sie, ich bereite mich akribisch auf meine Rollen vor und nehme die Schauspielerei sehr ernst – auch und gerade dann, wenn es um Komödien geht. Mein Schauspiellehrer hat einst zu mir gesagt: „Spiele stets so, als ginge es um dein Leben!“ In diesem Fall spürte ich sogar eine noch größere Verantwortung: Das Leben der Transgender-Gemeinde hing quasi von meiner Darstellung der Maura ab. Schließlich ging es ja nicht zuletzt darum, mit unserer Serie Verständnis für Menschen zu wecken, die das Gefühl haben, im falschen Körper zu leben. Das wollte ich auf keinen Fall versemmeln.

Wie man hört, gab es bei der Serie drei prominente Berater aus der Trans-Community: Jennifer Boylan, Rhys Ernst und Zackary Drucker. Was haben Sie von ihnen gelernt?

Jeffrey Tambor: Nun, sie haben mich zum Beispiel in einen einschlägigen Szene-Nachtclub geschleift, was eine sehr aufschlussreiche Erfahrung war. Vor allem aber haben sie mir in langen Gesprächen verraten, was in bestimmten Situationen in ihrem Inneren vorgeht. Das war mir unglaublich wichtig, denn ich wollte mich der Rolle der Maura unbedingt von innen heraus annähern. Dabei kam mir ein glücklicher Zufall zu Hilfe: Seit ein paar Jahren lebe ich mit meiner Familie in New York, doch „Transparent“ wurde in Los Angeles gedreht, und in der rund vierwöchigen Vorbereitungszeit war ich dort völlig allein. Ich hatte Heimweh, vermisste meine Frau und meine Kinder und fühlte mich schrecklich einsam. Dieses Gefühl hat mir bei meiner Darstellung der Rolle sehr geholfen, denn auch Maura ist ein extrem einsamer Mensch.

Wie war es für Sie, in Frauenkleidern herumzulaufen?

Jeffrey Tambor: Hochinteressant. Kurz vor Drehbeginn kam ich auf die Idee, in Los Angeles in voller Maura-Montur shoppen zu gehen. Ich habe mich also ordentlich aufgebrezelt – und dann habe ich mich kaum getraut, in diesem Aufzug mein Hotelzimmer zu verlassen und durch die Lobby zu laufen. Ich glaube, in meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so viel Schiss wie an diesem Tag: Ich dachte, die Leute würden mich vielleicht erkennen oder auslachen – und mir wurde schlagartig bewusst, dass Maura sich jedes Mal so fühlen musste, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigte.

Und? Haben die anderen Hotelgäste Sie erkannt oder ausgelacht?

Jeffrey Tambor: Nein! Und das war die eigentliche Entdeckung für mich: zu sehen, dass sich in Wahrheit kein Schwein darum scherte. Die Ängste, die Phobien – all das spielte sich nur in meinem Kopf ab. Später dann, beim Einkaufen, blieb allerdings doch plötzlich einmal ein Kerl stehen und musterte mich mit süffisantem Grinsen. Ich habe keine Ahnung, ob er mich als Jeffrey Tambor erkannte oder bloß durchschaute, dass ich ein Mann in Frauenkleidern war. Ich weiß nur, dass ich dieses spöttische Lächeln nie vergessen werde: Es hat mich bis ins Mark getroffen. Und auch das konnte ich schließlich vor der Kamera wieder benutzen, um mich in Maura hineinzuversetzen – ebenso wie das Gefühl, ganz allein in L.A. zu sein und meine Eltern zu vermissen.

Ihre Eltern?

Jeffrey Tambor: Blödsinn, ich meine natürlich meine Kinder. Ist es nicht interessant, dass ich „Eltern“ gesagt habe? Sigmund Freud lässt grüßen! Tatsächlich würde ich behaupten, dass meine Kinder meine wichtigsten Lehrmeister sind. Ich lerne so viel von ihnen, von ihrer Neugierde, ihrem Enthusiasmus… Sie haben mich zu einem besseren Schauspieler gemacht.

Inwiefern?

Jeffrey Tambor: Durch sie habe ich einen ganz neuen Zugang zu meinem Beruf gefunden. Wegen ihnen ist meine Zeit knapp bemessen, denn es bedeutet eine Menge Arbeit, vier kleine Kinder großzuziehen. Sie sind jetzt zwischen fünf und zehn Jahre alt, und meine Frau und ich müssen oft mit unseren Terminen jonglieren – wer bringt den einen Sohn hin, wer holt den anderen Sohn ab? Ich war gezwungen, eine besonders zeitaufwendige Sache ersatzlos aus meinem Leben zu streichen: das Grübeln, das Sich-Sorgen-machen. Früher habe ich vor lauter Sorge so manches Projekt regelrecht zu Tode gegrübelt. Nun habe ich beschlossen, mich zwar weiterhin sorgfältig auf meine Rollen vorzubereiten, aber dann einfach loszulassen und auf meine Instinkte zu vertrauen. Das ist ohnehin das Beste, was man tun kann.

Verstehen Ihre kleinen Kinder schon, was ihr Papa für einen seltsamen Beruf hat und warum er neuerdings bunte wallende Gewänder trägt?

 Jeffrey Tambor: Ja, sie wissen, was Schauspielerei bedeutet. Wenn ich Text lernen muss, laufe ich zu Hause oft auf und ab und spreche dabei leise meine Dialogzeilen vor mich hin. Dann sagen meine Kids: „Aha, Daddy murmelt wieder!“ Meine achtjährige Tochter Evie hat mich sehr verblüfft, als sie im vergangenen Jahr die „Transparent“-Dreharbeiten besuchte und mich am Set zum ersten Mal in Frauenkleidern sah. Meine Frau und ich versuchten, ihr zu erklären, was ich da für eine Rolle spielte, und wir stotterten und drucksten herum: „Sieh mal hier, auf dem Bild, also, äh, wie sage ich das jetzt am besten…“ Und sie meinte nur ganz trocken: „Ja, ich verstehe schon – deine Filmfigur fühlt sich als Frau einfach wohler!“ Zack! Sie hat es auf den Punkt gebracht. Kinder kapieren so etwas viel schneller als Erwachsene. Sie kennen keine Berührungsängste. Transsexuellen-Phobien sind bloß anerzogen.

Aus einer früheren Ehe haben Sie noch eine Tochter, die im Sommer 40 wird – das heißt, sie ist ungefähr so alt wie Mauras drei Kinder in der Serie. Was hat sie dazu gesagt, dass ihr Vater jetzt einen Transgender verkörpert?

Jeffrey Tambor: Auch sie hat mich am Set besucht, und zwar an meinem letzten Drehtag. Ich war ein bisschen nervös, weil sie ein sehr kritisches Auge hat und sich nicht leicht zufriedenstellen lässt – sie unterrichtet Europäische Geschichte in New York und ist eine echte Intellektuelle. Sie kam also in meine Garderobe, beobachtete aufmerksam, wie ich mich zurechtmachte, und sagte plötzlich: „Hübsch bist du.“ Dann sah sie mir noch beim Drehen einer Szene zu und meinte anschließend: „Papa, ich bin stolz auf dich.“ Sie ahnen gar nicht, wie viel mir dieses Kompliment bedeutet hat!

Maura versucht, ihren Kindern klarzumachen, dass sie sich jahrzehntelang verstellt und ihre wahre Natur verborgen hat. Gab es Momente, in denen auch Sie anderen Leuten etwas vorgaukeln mussten, um in Ihrem harten Business zu überleben?

Jeffrey Tambor: Seltsamerweise fällt mir spontan eine Situation ein, in der ich mir selbst etwas vorgemacht habe. Es war zu Beginn meiner Karriere: Am Theater in Louisville, Kentucky, spielte ich die Titelrolle in Molières Komödie „Tartuffe“. Ich fühlte mich wie der tollste Schauspieler unter der Sonne und dachte: „Mann, war ich heute Abend großartig!“ Doch tags darauf stand in der Zeitung eine vernichtende Kritik, die kein gutes Haar an meiner Leistung ließ. Das war so demütigend, dass ich daraufhin ungefähr zwei Tage lang geheult habe. Aber es hat mich Bescheidenheit gelehrt: Ich habe gerade noch rechtzeitig erkannt, dass ich doch nicht so gut war, wie ich meinte.

Wie kamen Sie überhaupt als Sohn eines Bodenlegers und einer Hausfrau in San Francisco zur Schauspielerei?

Jeffrey Tambor: Schräg gegenüber von unserem Haus war die Uni, und als achtjähriger Knirps ging ich nach der Schule oft in deren Theater, um den Schauspielschülern beim Proben zuzusehen. Ich fand das hundertmal aufregender als das richtige Leben. Die Truppe nahm mich sogar ein bisschen unter ihre Fittiche – ich durfte zum Beispiel beim Auf- und Abbau helfen. Es mag komisch klingen, aber ich fühlte mich dort von Anfang an zu Hause. Und ich werde nie vergessen, wie der Regisseur mich eines Tages bat, einen Felsbrocken von der Bühne nach nebenan zu tragen. Ich meinte: „Das kann ich nicht. Der ist doch viel zu schwer.“ Und er sagte: „Doch, das kannst du. Probier’s einfach mal.“ Tatsächlich ließ sich das Ding ganz leicht heben – und mir wurde in diesem magischen Moment klar, dass ich unbedingt bei jener Zauberei mitmachen wollte.

Maura beweist eine Menge Mut, als sie sich mit 70 outet. Was ist Ihrer Meinung nach der mutigste Schritt, den Sie je gegangen sind?

Jeffrey Tambor: Meine Berufswahl. Denn die musste ich gegen den ausdrücklichen Wunsch meiner Eltern durchboxen. Vor allem mein Vater war entsetzt, als er hörte, dass ich Schauspieler werden wollte: Er hat sich fürchterliche Sorgen um mich gemacht, was ich ihm nicht einmal verdenken kann. Aber für mich gab es nie eine Alternative. Und aus eigener Erfahrung rate ich allen Kindern, auch meinen eigenen: Habt den Mut, eure Eltern zu enttäuschen! Manchmal muss man das eben tun, um seine Träume zu verwirklichen.

Haben Sie heute noch Träume?

Jeffrey Tambor: Nein, ich bin wunschlos glücklich. Ich habe das Gefühl, meinen Traum zu leben. Wenn Sie wissen wollen, ob ich mich heimlich der Hoffnung hingebe, eines Tages Regie zu führen oder einmal den König Lear zu spielen, dann kann ich Ihnen reinen Gewissens sagen: Nein! Ich würde gerne noch das Buch beenden, an dem ich schon eine Weile arbeite – eine Mischung aus Tagebuch und Memoiren. Leider weiß ich überhaupt nicht, wie man so etwas macht. Ich setze mich abends hin und schreibe, und gegen vier Uhr morgens lese ich das Zeug und denke: „Wen zum Teufel soll das interessieren?“ Ein befreundeter Schriftsteller hat mir jetzt immerhin einen wertvollen Tipp gegeben. Er meinte: „Lies dein Geschreibsel auf keinen Fall um vier Uhr früh!“

Wie sehen Ihre beruflichen Pläne für die kommenden Monate aus?

 Jeffrey Tambor: Ab Juni drehen wir zehn neue „Transparent“-Folgen, worauf ich mich schon sehr freue – die Drehbücher sind gerade in Arbeit. Was weitere Projekte betrifft, so muss ich mich überraschen lassen: Bis jetzt habe ich bloß vage Ankündigungen oder Gerüchte gehört. Brian Grazer hat kürzlich angedeutet, er wolle eine neue Staffel von „Arrested Development“ produzieren. Und zu „Hellboy 3“ gibt es zwar auch schon Gespräche, aber noch nichts Konkretes. Wenn die Macher die Stammbesetzung wieder dabeihaben wollen, dann sollten sie sich langsam beeilen – denn sonst brauchen wir vor der Kamera alle noch einen Rollator!

Welche Serien haben Sie selbst in den vergangenen Jahren am liebsten gesehen?

Jeffrey Tambor: „True Detective“ hat mich sehr beeindruckt. Und ich habe „Six Feet Under“ geliebt – eine Serie, an der ja auch „Transparent“-Schöpferin Jill Soloway als Autorin und Produzentin beteiligt war. Durch „Die Sopranos“ und „Six Feet Under“ hat sich das Fernsehen in meinen Augen stark verändert, und ich finde, das wurde auch höchste Zeit. Denn die TV-Verantwortlichen haben ihr Publikum viel zu lange unterschätzt. Ich bin sicher, dass es eine Menge Zuschauer gibt, die nicht bevormundet werden wollen und die keine eingespielten Lacher brauchen. Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon haben diese Bedürfnisse erkannt. Alle anderen sollten schleunigst anfangen, umzudenken – oder sie werden bald ihr blaues Wunder erleben!