Jogi Löw und die WM-Berichterstattung

Jogi Löw: Sinn und Unsinn der WM-Berichterstattung am Beispiel des Bundestrainers

Sportschau Live Moderator Gerd Delling (l) und Experte Mehmet Scholl (r) im Gespräch mit Bundestrainer Joachim "Jogi" Löw, aufgenommen beim Fußball-Länderspiel Deutschland - Aserbaidschan in Köln (09/10) © WDR/Herby Sachs

Sportschau Live
Moderator Gerd Delling (l) und Experte Mehmet Scholl (r) im Gespräch mit Bundestrainer Jogi Löw,
aufgenommen beim Fußball-Länderspiel Deutschland – Aserbaidschan in Köln (09/10)
© WDR/Herby Sachs

Jogi Löw wird genau beobachtet und analysiert. Legt der Bundestrainer seine Stirn in Falten? Dreht er seine Daumen von innen nach außen oder doch etwa umgekehrt? „Was mag jetzt wohl im Bundestrainer vorgehen?“ – das ist so eine von rund eintausend restlos überflüssigen Reporterfragen unsere Zeit. „Wahrscheinlich verdaut er seinen Salat – das geht in Jogi Löw vor“ möchte man den Dellings und Réthys und Scholls und wie sie sonst noch alle heißen am liebsten zurufen.

Was geht jetzt wohl gerade in Jogi Löw vor?

Überhaupt steht uns zur WM 2014 wieder das Spekulations –  Spektakel schlechthin bevor. Damit sind nicht die durchaus spannenden Spiele und Spielreportagen gemeint, sondern die immer uferloser werdende Rahmen-Berichterstattung vor und nach dem Spiel. Da wird Stunden, manchmal Tage vor einem Match eine Art Hofberichterstattung zelebriert, die an Absurdität kaum zu übertreffen ist. Was haben die Spieler gegessen? Oder, auch so eine Lieblingsfrage „Wie ist die Stimmung im Camp“? Tja, liebe Reporter, wie wird die Stimmung wohl sein? Wann habt ihr das je herausgefunden, seit je über das Stellen dieser Frage hinausgekommen. Und vor allem: wen interessiert das eigentlich? Bundestrainer Jogi Löw sicher am wenigsten, denn der weiß es ja.

Eine löbliche Ausnahme ist hier übrigens Olli Kahn. Auch wenn der Ex-Torwart-Titan hie und da den Eindruck macht, als wolle er unmittelbar nach seiner Spielanalyse den Tontechniker fressen, so beteiligt er sich erfreulicher Weise kaum am Contest der Spekulationen seiner Reporter- und Kommentatorenkollegen. Ganz im Gegensatz zu Mehmet Scholl, dessen fundierte Analyse der Gruppengegner der deutschen Mannschaft bei der WM nach dem Testspiel gegen Kamerun z.B. schon ihresgleichen suchte: Portugal:  „kennen wir, lebt von Ronaldo“ (tatsächlich?). USA „müssen wir schlagen“ (aha?) Ghana (lächelnd) „Ghana – ja, müssen wir schlagen“ – Hochmut kommt vor dem Scholl. Im Ernst, was sind denn das für „Analysen“? Mehmet Scholl ist ja durchaus ein netter Kerl, der auf dem Bildschirm auch gut rüberkommt und sogar Ahnung hat. Aber an dieser Ahnung sollte er den Zuschauer hie und da auch mal teilhaben lassen. Da kann man verstehen, dass Bundestrainer Jogi Löw seine Stirn hie und da in Falten legt, bei solch fachmännischer Begleitung seiner beruflichen Tätigkeit.

Weniger ist mehr, liebe Sender, liebe Experten, liebe Reporter und Moderatoren. Gut sind Innovationen wie die WM-App der ARD, mit der Highlights der Partien aus bis zu 20 verschiedenen Kamerapositionen betrachtet werden können. Oder, um es kurz zu machen: bitte viel mehr Fußball und viel weniger Kampf-Gelaber. Dann steht einer wunderbaren Fußballweltmeisterschaft in Brasilien mit einem zufriedenen Bundestrainer Jogi Löw nichts mehr im Wege – außer dem jeweiligen Gegner natürlich.