Transparent bei Amazon Prime Serienkritik

Transparent bei Amazon Prime Serienkritik

Transparent bei Amazon Prime – Serienkritik von Jutta Hannecker

Transparent bei Amazon Prime: Staffel 1 ist ab sofort online bei Amazon Prime. ©Amazon Studios

Transparent bei Amazon Prime: Staffel 1 ist ab sofort online bei Amazon Prime. Im Bild: Jeffrey Tambor als Mort bzw. Maura
©Amazon Studios

Mit der eigens für seine Plattform Amazon Instant Video produzierten Serie „Transparent“ hat der Online-Händler das heiße Eisen Transgender angefasst. Dieser Mut wurde belohnt: Anfang dieses Jahres konnte die erste Staffel der Amazon-Serie zwei Golden Globes gewinnen, u. a. völlig zu Recht für den Hauptdarsteller.

Es geht um den Familienvater Mort, der sich ein Leben lang als Frau gefühlt hat und nun, mit 70 Jahren, zum Entsetzen aller sein Coming-Out feiert: Von jetzt an möchte er nur noch mit Maura angesprochen und als Frau akzeptiert werden.

Er trägt sein graues Haar ab sofort offen, lackiert sich die Nägel, liebt wallende bunte Kleider und Tuniken. Hingebungsvoll gespielt wird diese verletzliche Figur von Jeffrey Tambor, den man in Deutschland vor allem als Vater des verkorksten Charakters Alan (Zach Galifianakis) aus den „Hangover“-Filmen und als Familienoberhaupt aus der Serie „Arrested Development“ kennt.

Apropos verkorkst: Auch in „Transparent“ muss sich Mort mit seinem verwöhnten Nachwuchs herumschlagen. Sein Sohn Josh ist ein erfolgreicher Musikproduzent, der alles flachlegt, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Dessen kleine Schwester Ali weiß mit 30 Jahren immer noch nicht so recht, wohin die Reise des Lebens sie führen soll. Der beste Zeitvertreib ist für sie ebenfalls der Sex: Sie probiert alles aus, was sich viele ihrer Geschlechts¬genossinnen nicht einmal zu phantasieren trauen. Nur die große Schwester Sarah scheint ein Leben zu leben, das in einigermaßen „normalen“ Bahnen verläuft. Das aber auch nur, bis sie ihre ehemalige Kommilitonin wiedertrifft, um dann zu erleben, dass der Sex mit einer Frau doch der bessere ist. Morts geschiedene Frau lebt in einer völlig sterilen Altersresidenz, die einer der Dreh- und Angelpunkte der Serie darstellt.

So besteht „Transparent“ im Prinzip aus fünf Handlungssträngen. Der erste dreht sich um Mort/Maura. Jede Szene mit ihm/ihr ist einfach göttlich. Die Art, wie Jeffrey Tambor diese anspruchsvolle Rolle spielt, könnte für jeden Schauspielschüler als Paradebeispiel herangezogen werden. Keine Geste ist zu viel. Keine Szene erinnert auch nur im Entferntesten an Charlies Tante. Das ist ganz große Schauspielkunst. Auch ist die transsexuelle Figur hochinteressant. Sie schafft es, jegliche Form von Berührungsängsten im Keim zu ersticken.

Trailer Transparent bei Amazon Prime ©Amazon Studios

Was sich allerdings Jill Soloway, die Erfinderin und Produzentin der Geschichte, bei den Zeit fressenden Handlungssträngen mit den drei erwachsenen Kindern gedacht hat, bleibt ein Rätsel. In jeder Episode müssen die Zuschauern ihnen beim Koitieren zusehen, was weder erotisch noch interessant ist. Darüber hinaus sind diese Blagen auch noch wahre Plagen. Darüber hinaus sind diese Blagen auch noch wahre Plagen, was einem im Laufe der Serie heftig auf den Sack geht, falls man (noch) einen hat. Der fünfte Strang schlängelt sich um Morts geschiedene Frau, die von der großartigen Judith Light dargestellt wird – aber so wirklich prickelnd ist die Story um sie herum auch nicht.

So verdient die Serie Transparent bei Amazon Prime eine Lobeshymne im Prinzip nur für die Hauptfigur sowie für den wunderbaren Titel „Transparent“, der auf Englisch herrlich doppelsinnig daherkommt.

Am 10. April 2015 feierte Amazon mit Jeffrey Tambor in München die Premiere der deutschen Fassung von Transparent bei Amazon Prime. Der zweite Stargast kam aus Österreich, Conchita Wurst, eine der berühmtesten Transgender-Frauen. Für Tambor, der, wie er in einem Interview sagte, die Rolle der Maura nie mehr ganz abschütteln kann, eine wunderbare Begegnung.